Suchgrabung
 

Dem Bericht eines Beduinenführers folgend nahm Max von Oppenheim am 19. November 1899 einen Hügel im Quellgebiet des Habur in Augenschein, der von den Einheimischen Tell Halaf genannt wurde. Während einer dreitägigen Suchgrabung ließ er an vier verschiedenen Stellen schürfen, die alle dicht unter der Oberfläche liegende Bildwerke erbrachten. Die fehlende Grabungslizenz zwang den Ausgräber in spe, alle Fundstellen wieder sorgfältig verschließen zu lassen und erst die rechtlichen Voraussetzungen in Konstantinopel zu klären.

 
Plan
 

Trotz der zu erwartenden Ergebnisse vergingen fast 12 Jahre, in denen von Oppenheim noch um eine Karriere im diplomatischen Dienst bemüht war, die ihm aber wegen seiner jüdischen Wurzeln verwehrt bleiben sollte. Daher reichte er 1910 sein Entlassungsgesuch ein, betrieb mit Hochdruck die Grabungsvorbereitungen und kehrte im Sommer 1911 auf den Tell Halaf zurück. In den folgenden zwei Jahren ließ er hauptsächlich im Bereich der Zitadelle graben. Unter der Leitung seines ersten Architekten Felix Langenegger wurden der West- und Nordost-Palast freigelegt, größere Abschnitte der inneren und äußeren Stadtmauer, zwei Toranlagen, mehrere Grüfte und eine als Kultraum beschriebene Anlage. Die Standardinschriften benannten als Bauherrn einen aramäischen Fürsten namens Kapara aus dem Geschlecht der Bit Bachiani. Damit war zugleich auch der antike Name der Siedlung in der Lesung der assyrischen Nachbarn – Guzana – gesichert.

Im ausgehenden 2. Jahrtausend v. Chr. waren aramäische Stammesverbände aus dem Westen kommend über den Euphrat nach Nordsyrien gezogen. Sie hatten kleine Fürstentümer gegründet und somit das Vakuum, das nach dem Niedergang des hethitischen Großreiches um 1200 v. Chr. entstanden war, ausgefüllt. Bachianu, Begründer der Dynastie von Bit Bachiani, wählte den späteren Tell Halaf als Sitz seiner neuen Residenz aus. Zunächst noch weitgehend unabhängig, geriet das Fürstentum im ausgehenden 9. Jahrhundert v. Chr. unter assyrische Oberhoheit. Als assyrische Provinz verlor Guzana zunehmend an Bedeutung, letzte spärliche Besiedlungsreste datierten in die hellenistische und islamische Zeit.

 
Bildwerke
 

Der Tell Halaf wurde vor allem durch das einzigartige Baudekor am Westpalast berühmt. Der Architekturform nach ein sog. bit hilani, war die Eingangsfassade durch figürlich gestaltete Säulen und Tierbasen gekennzeichnet: In der Mitte stand der Wettergott auf seinem Stier, eingerahmt von seiner Gemahlin und dem gemeinsamen Sohn, die jeweils von einem Löwen getragen wurden. Mächtige Laibungsfiguren bewachten den ersten und zweiten Durchgang, große Orthostaten und ursprünglich mehr als 200 kleine Reliefplatten waren dem Sockelbereich der Außenmauern vorgeblendet. Bis heute gilt der Westpalast in dieser monumentalen Ausgestaltung als beispiellos für den nordsyrischen Raum. Nicht weniger beeindruckend waren die beiden weiblichen Sitzbilder, die über einem Grabschacht stehend entdeckt wurden.

 
Buntkeramik
 

Die Fürsten von Guzana waren nicht die ersten Bewohner auf dem Hügel. Im 6. und 5. Jahrtausend v. Chr. hatte sich hier eine Bevölkerungsgruppe mit überwiegend agrarischer Lebensweise niedergelassen, die eine sehr qualitätvolle, handgeformte Buntkeramik produzierte. Diese Keramik ließ sich später auch an anderen Orten nachweisen, wird aber bis heute nach ihrem ersten Fundort als Halaf-Keramik bezeichnet. Obwohl mehr als 3000 Jahre zwischen diesen beiden Hauptbesiedlungsphasen lagen, folgten die Schichten dicht aufeinander, so dass von Oppenheim irrtümlich annahm, ein Teil der eisenzeitlichen Bildwerke sei zur gleichen Zeit entstanden wie die deutlich ältere Buntkeramik.

 
Skorpionentor 2006 - Neue Ausgrabungen
 

Nach 77 jähriger Unterbrechung sind die Ausgrabungen am Tell Halaf im Sommer 2006 durch eine gemeinsame Mission der Staatlichen Museen zu Berlin und der Direction Générale des Antiquités et des Musées de Damas in Zusammenarbeit mit den Universitäten Tübingen und Halle wieder aufgenommen worden. Im Mittelpunkt des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts stehen weiterführende Untersuchungen zur Siedlungschronologie, zur Siedlungsstruktur und zur Rolle des Ortes in der kulturhistorischen Entwicklung des Alten Orients.

 
 
 
Weiterführende Literatur

Max Freiherr von Oppenheim, Der Tell Halaf. Eine neue Kultur im ältesten Mesopotamien, Leipzig 1931
Ders., Tell Halaf I: Die prähistorischen Funde, bearbeitet von H. Schmidt, Berlin 1943
Ders., Tell Halaf II: Die Bauwerke, von F. Langenegger, K. Müller, R. Naumann, bearbeitet und ergänzt von R. Naumann, Berlin 1950
Ders., Tell Halaf III: Die Bildwerke, bearbeitet von A. Moortgat, Berlin 1955
Ders., Tell Halaf IV: Die Kleinfunde aus historischer Zeit, bearbeitet von B. Hrouda, Berlin 1962

W. Orthmann, Die aramäisch-assyrische Stadt Guzana. Ein Rückblick auf die Ausgrabungen Max von Oppenheims in Tell Halaf, Schriften der Max Freiherr von Oppenheim-Stiftung Heft 15, Saarbrücken 2002

F. Fless (Hrsg.), Die Antiken der Sammlung Max Freiherr von Oppenheim im Archäologischen Institut der Universität zu Köln, Kölner Jahrbuch 30 (1997) 21-143.